Die Predigt für mein Kunstwerk
geschrieben von
Pastor Oliver Scherges

15.12.16 – Kirche St.Ludgerus & Martin im Bistum Essen

Prolog

Eine Ehre die bislang nur wenigen Künstlern zuteil wurde. Eine Predigt und eine Messe für ein Kunstwerk. Nicht für irgend ein Kunstwerk sondern für das Triptychon „Entree“ des Künstlers David Kornowski.

Die Predigt

Entree, übersetzt: Eingang.

Aber fühlen wir uns wirklich eingeladen einzutreten? Es ist ja nicht direkt eine Öffnung da. Auch die Farbkomposition besteht jetzt nicht aus warmen Wohlfühlfarben, in die man sich vielleicht direkt hineinfallen lassen möchte. Aber das Werk will ja auch nicht zum Wohlfühlen einladen, sondern hinterfragen.

Vergangenheit und Zukunft, der linke und rechte Flügel des Triptychons, lassen zwar eine Vielschichtigkeit erkenn, aber ebenso eine Ungewissheit. Es gibt keinen Ansatzpunkt da. Und das ist ja nur folgerichtig. Wenn ich mich nur in der Vergangenheit aufhalte, werde ich keinen Eingang, keinen Zugriff auf mein Leben finden. Manchmal treffe ich in der Begleitung auf Personen, die sich durch das Aufhalten in der Vergangenheit den Zutritt in die Gegenwart verbauen. Warum ist mir das passiert? Warum ist mir das zugestossen? 

Natürlich ist die Geschichte wichtig, die ich mitbringe, die mich geprägt hat. Aber wenn ich in ihr verharre und sie mich hindert aus dieser Prägung heraus mein Leben zu gestalten, verpasse ich den Eingang in mein Leben jetzt und hier. Auch die Zukunft bleibt im Bild kryptisch. Was ja auch realistisch ist. Und auch in sie kann ich nicht eintreten. 

Wenn ich dauernd mir nur ausmale, was die Zukunft bringen mag und nur abwäge, welche Folgen mein Handeln vielleicht, eventuell haben könnte, kann mich das auch lähmen. Es gibt da manchmal echte Meister des Entwerfens von Worst-Case-Szenarien. Aber auch das kann den Eingang, den Zutritt zum Leben behindern oder auch verhindern.

Folgerichtig ist nur die Gegenwart plastischer, weil sie gestaltbar ist. Man schaut auf eine Silhouette, die sich eingeprägt hat in die Gegenwart. Bewusst gestaltlos, denn wenn dieses Werk ein Eingang sein soll, muss sie ja noch mit Leben gefüllt werden. 

So steht die Person auch etwas statisch dort. Es geht noch keine Dynamik von ihr aus. Vielleicht, weil sie erschlagen ist von Gegenwart und erwarteter Zukunft. Gerade momentan scheint die Zukunftsangst um sich zu greifen.

Nach der US-Präsidentenwahl meinte jemand zu mir, ob mich das nicht auch hilflos machen würde, wenn so eine Person plötzlich so mächtig würde. Wenn so jemand die Macht hat, die Welt zu verändern, dann brauchen wir doch nichts mehr zu machen. 

Auch der Prediger Kohelet besticht in seinem Buch nicht unbedingt durch eine optimistische Sicht. Windhauch, Windhauch, alles ist Windhauch. Schließlich kommt er auch noch zu dem Schluss, dass es eh keine Erinnerung an die früheren geben wird. Ist dann alles egal? Bin ich als Person in der Gegenwart verloren und brauche mich auch gar nicht zu bewegen, weil in Zukunft sowieso alles weggewischt zu sein scheint? Das Bild und Kohelet scheinen ja diese Sprache zu sprechen. 

Aber ich mache oft andere Erfahrungen. Wie wichtig die Erinnerungen sind. Und wie sehr sie prägen und sogar lebendig werden lassen können, merke ich gerade bei Gesprächen anlässlich von Beerdigungen. Wie wichtig die Personen oft waren und, wie den Zurückgebliebenen dann bewusst wird, auch bleiben. Spürbar wird das erst in der Trauer, die aber ja ein Ausdruck der Verbundenheit ist. 

Später werden die Phasen der Trauer dann immer öfter durchbrochen, durch die dankbaren und liebevollen Erinnerungen, die oft sehr lebendig sind und ins Leben hineinstrahlen. Im Deutschen zeigt das Wort „Erinnern“ ja schon, dass mir da etwas innerlich wird. Nicht nur ein Gedanke, der kommt und geht, also Windhauch ist, sondern etwas, das mich vielschichtiger anspricht, als nur über die Gedanken, dass auch meine Gefühle und damit mein ganzes Leben be-trifft und damit lebendig wird.

Insofern kann dieser Eingang ins Leben nicht nur ernüchtern, sondern er kann uns einladen, Leben hineinzubringen. Die Zukunft ist dann nicht gestaltlos, weil nichts bleibt, sondern weil sie ja noch gestaltbar ist. Dann ist die Ohnmacht auch nicht so bestimmend. Auch nicht angesichts der politischen Entwicklungen. Denn vielleicht ist der Kleine ja viel bedeutender als er meint. Bewusst geworden ist mir das dieses Jahr am Martinsfest, der einer der Patrone unserer Gemeinde. 

Denn in diesem Jahr feiern wir den 1750. Geburtstag dieses Heiligen. Der ist zwar Bischof, Mönch und einiges andere gewesen, aber in lebendiger Erinnerung bleibt er durch eine Legende, die eigentlich eine Kleinigkeit aufzeigt. Da hat jemand seinen Mantel mit einem Bettler geteilt. Das wäre heute keine Meldung wert. Nicht mal in Käseblättchen in der Saure-Gurken-Zeit. Aber dieses Ereignis bewegt heute noch die Menschen. Hat seine Faszination offensichtlich nicht verloren. 

Das wertneutrale und sinnneutrale Lichter-Fest hat sich trotz mancher Bemühungen nicht durchgesetzt, sondern die Menschen suchen den Martinszug mit Pferd und Martinsspiel, in dem im Idealfall auch der Bezug des Werkes des heiligen Martin zu Christus in Er-Innerung gerufen wird. Und all das scheint wirklich innerlich anzusprechen. In diesem Jahr waren bei unserem Martinszug noch mal mehr und wir sehen Menschen, die sich davon ansprechen lassen und denen das wichtig ist, die wir lange nicht in unserer Kirche gesehen haben.

Dieser Martin hinterlässt Eindruck. Mit einer kleinen Tat. Viel mehr als Mächtige und Despoten seiner Zeit, oder auch der Zeit vorher oder nachher. Und das liegt nicht daran, dass es an Mächtigen Despoten gemangelt hätte. Auf Dauer haben diese Mächtigen aber nicht so viel Eindruck hinterlassen, wie dieser Soldat, dieser Taufbewerber, der noch nicht Christ war. Mit einer kleinen Tat, die heute keine Meldung mehr wert wäre.

Vielleicht kann das ein Eingang sein in die Gegenwart. Dass das Kleine doch oft eine größere Wirkung hat, als wir glauben. Es sei mir erlaubt an dieser Stelle noch das Kreuz in den Blick zu nehmen, in das die Person hineingestellt ist. Ich weiß, dass es nicht aus christlichen Gründen den Weg ins Bild gefunden hat. Vielleicht sind es einfach Gründe der Zentrierung. 

Aber gerade das bringt mich als Betrachter, der nun mal Priester ist, dass in diesen Kontext zu stellen. Das Kreuz stellt nämlich den Menschen in den Mittelpunkt. Und zwar nicht den Mächtigen, sondern den Ohnmächtigen. Wenn wir in einigen Tagen Weihnachten feiern, dann feiern wir ja, dass Gott Mensch wird. Und wie es bei Lukas extra betont wird: In Windeln gewickelt. Ohnmächtiger und hilfsbedürftiger geht es nicht. Aber gerade aus dieser Ohnmacht heraus wurde die Welt verändert. Gott stellt den Menschen und zwar den Ohnmächtigen in den Mittelpunkt, richtet sich auf ihn aus.


Entree – Eingang: Wir sind eingeladen hineinzutreten in die Vielschichtigkeit des Lebens, uns nicht behindern zu lassen von der eigenen Ohnmacht, sondern Leben hineinzubringen, da wo der Mensch in der Mitte des Kreuzes und damit im Mittelpunkt steht.

Epilog

Es war ein einzigartiger Abend. Spirituell, Zeremoniell und Rituell. Man kann zur Kirche stehen wie man will, aber dem es hilf und dem es kraft gibt sollte nicht belächelt sondern bestärkt werden.

Kirche und Kunst sind eng miteinander verwoben und bilden die Eckpfeiler einer gesunden Gesellschaft