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David Kornowski
Ein Essay von Tom Kummer

Ein Essay geschrieben von Tom Kummer über den Künstler David Kornowski

Autor: Tom Kummer
Datum: 18.09.2015
LINK: WIKIPEDIA

VORWORT

Obsessive Kräfte führen zu triebhaften Ausbrüchen – und manchmal zu phänomenalen Erfolgen. Gerade in der Kunst werden immer wieder Parallelen gezogen zwischen künstlerischer Kreativität und obsessivem Drang.

Als David Kornowski erstmals mit mir Kontakt aufnahm, waren seine Abgründe und Radikalität nicht eindeutig erkennbar. Autoren bekommen manchmal Dutzende von Briefen im Jahr. Natürlich geht es oft darum, ob man ihre Manuskriptlesen will oder sich ihre Lebensgeschichte anhört.

Gewöhnlich beantworte ich solche Zuschriften mit ein paar entschuldigenden Zeilen. Kornowskis Kontaktaufnahme war anders. Sie war dicht, direkt, unverhüllt und trotzdem distanziert – eine ungewöhnliche Mischung. Kornowski hatte eine eigene Stimme und seine Logik der Gedankenführung hatte etwas Irritierendes, eröffnete Abgründe, in die man erst nicht näher zu schauen wagte. Aus seiner Zuschrift sprach der Radikale, der potentielle Leader, ein Mann, besessen von visuellen Visionen für eine bessere Welt – wie sie in einer Revolution geschmiedet werden.

Ich hätte nicht erwartet, dass sich die Dinge nach der ersten Kontaktaufnahme so rasend schnell entwickeln. Da war einer, der lange in seinem eigenen kreativen Gefängnis festsaß und plötzlich freikommt. Ich erkannte die Kühnheit eines autodidaktischen Stylisten, und ich stellte mir plötzlich vor, wie es sein muss, wenn man lange Zeit mit einem solchen kreativen Hunger allein lebt und sich das Fleisch und die Knochen der Kultur aneignet, ohne die Suppe zu haben.

In der Folge der rasanten Entwicklung seines Projekts erschien mir Kornowski plötzlich wie einer der das Fleisch der Kultur mit den Fingern zerreißen kann – ja, genau, klingt nach großem Pathos! – und die Knochen dieser Kultur mit den eigenen Zähnen zermalmt. Sehr rasch wurde mir klar, dass wir da einen großen Künstler und Kurator unter uns haben, denn dieser Kornowski hatte sich im Feuer der Vergangenheit gehärtet. Jetzt kann ihn die halbe Kunstwelt erst richtig entdecken!

Der Mann von dem hier die Rede ist verfügt über ungeahnte Intensitäten, innere Zwänge und Leidenschaften. Es sind die perfekten Bedingungen um Lebensgeschichte zu schreiben, Existenzen durcheinanderzuwirbeln – und künstlerische Höchstleistungen zu produzieren.

David Kornowski schöpft in seiner Arbeit aus einer Art authentischen Besessenheit. Er mag es vielleicht nicht hören, aber er scheint einer Familiengeschichte zu entstammen, wo ein atmosphärischer Druck geherrscht haben muss. Obwohl in tadellos mittelständischen Verhältnissen aufgewachsen, so muss seine Jugend von einer großen Suche nach Erfüllung gekennzeichnet gewesen sein, wo man sich ständig fast verzweifelt nach einer Flucht aus der Normalität bemüht. Diese Suche ist entscheidend. Sie feilt die Fähigkeit in die teuflischsten Abgründe vorzudringen.

Und so suchen diese Augen und dieses Hirn noch heute überall und immer nach kreativen Fluchtwegen. Das ist sein Ding!

Diese Einstellung ist nicht immer kompatibel mit einer glatten Künstlerlaufbahn. Obsession für sein Handwerk kann einem aufgeklärten Lebensentwurf, einem rationalen Geschmacksurteil und strategischen Karriereentscheidungen zuwider laufen.

Dabei steht Kornowski heute in seinem Schaffensprozess am Anfang von etwas Großem. Sein Vorteil ist das Unverbrauchte, der Optimismus. Er macht Zeichnungen und Entwürfe für psychische Risikozonen – er macht diese Zonen porös, und lässt dabei produktive Wut, visionäres Entsetzen und halluzinierten Wahn eindringen. Doch er ist dabei clever genug, in seinen Bildern und Skulpturen, den paranoischen Zwang in eine höchst bewusste, kritische, narrative Reflexion zu überführen.

Viele seiner Arbeit sind bisher noch nie veröffentlicht worden. Ich hatte jedoch das Glück, sein Schaffen genauer betrachten zu dürfen. Ich weiß, was da noch kommt.

Es ist eine Detailverliebtheit des Empfindens, es fällt eine Art sinnliche Wahrheit der Wirklichkeit auf. Bei David Kornowski gewinnt die Welt einen eigenartig zauberhaften, mystisch-märchenhaften Anstrich, auch das eigene Denken verwandelt sich in symbiotisch-archetypische Konfigurationen. Gedanken verlieren ihre logische Gestalt und verstricken sich assoziativ ineinander, so dass ich bei seinen Werken von einem „zerebralen Orgasmus“ sprechen muss.

Ich gebe zu: Manchmal wenn ich über Menschen intensiv nachdenke – und dabei hoffe, in seinen Kopf vorzudringen, einen Kern der Dinge zu entdecken – schweife ich komplett ab. Und verwende dann Begriffe wie „zerebraler Orgasmus“. Ich dringe dann in einen fiktiven Raum ein. Mein Körper kommuniziert mit meinem Arbeitsraum – und mit dem Objekt über das ich schreiben will. Mein Arbeitsraum fühlt sich dann wie eine kahle Gefängniszelle an, ich erkenne alles, tausche alles aus, Temperatur und Luftzug, Gerüche und Überbleibsel auf dem Boden und an den Wänden. Ich erkenne Fliegen, die sich ins monströse aufbauen, ich schweife mit meinen Gedanken komplett ab. Ich denke über alles nach, woran ich mich erinnere, taste es immer wieder von allen Seiten ab. Mein Körper spielt mit meinem Geist, mein Geist spielt mit meinem Körper. Mein Geist meint dann, seine intellektuellen Kräfte seien imstande, im Gehirn einen fiktiven Apparat zu schaffen, einen Pakt mit dem Teufel einzugehen.

Es mag sein, dass Konrowskis Werk ebenfalls geprägt ist von so einer Zelle, dem Gefängnis im Kopf, einer Kindheit mit Albträumen, in denen ein übersinnlicher Horror wahrhaftig zu werden schien. Er glaubte dann, er könne irgendwie lernen, diesen Apparat zu steuern und für seine Arbeit zu nutzen, um stoffliche Dinge zu bewegen, um körperlich reale Dinge zu erzeugen.

So sagt er sich vielleicht, wenn ich mich bloß konzentriere, kann ich vielleicht die Gitter meiner Zelle im Kopf zum Schmelzen bringen. Oder sollte ich mich vielleicht zuerst darauf konzentrieren, diesen Staubflusen auf dem Fußboden zu bewegen? Hat er sich bewegt? Oder sollte ich diese monströse Fliege zerklatschen? Die Schlangen auf meiner Seele halbieren.

Eine Art Entzug des Empfindens entsteht. Ich nenne es „sensorische Deprivation“. Kornowski hält es zuerst für naive Intelligenz – während es in Wahrheit unausgefüllte Intelligenz, reine Intelligenz ist. So verändert sich bei ihm plötzlich die Struktur des Geistes. Er merkt plötzlich, der Geist wird anders benutzt und hat mehr Zugang zum Gehirn, zum Körper: Er entwickelt plötzlich einer Art „Superverstand“.

Es entsteht also eine innere und äußere Welt – in der Kornowski exzellent funktioniert. Könnten wir unter diesen Umständen die Hirnfilme von David studieren, dann sähe es dort nach einem Gemisch aus Visionen, Halluzinationen und Melancholie aus. Auch wenn er nach außen ruhig und entspannt wirken mag. Und das ist er auch, grundsolide in der Außenwelt, in seiner Professionalität, seiner Loyalität. Sein „Zustand“ hat ihn nicht daran gehindert, in der Wirklichkeit solide aufzutreten, ein Network von Freunden aufzubauen, die ihn für extrem Verlässlich halten.

Es schlagen also eindeutig zwei Herzen in seinem Körper. Einmal das Künstlerherz, das wirklich selbstlos der Kunst ergeben ist – ohne Profitgedanken versucht seine Kunst zu machen und zu verwirklichen. Das andere Herz gehört dafür dem Unternehmerdasein. Er ist dabei moralisch auf hohem Niveau, Loyalität ist alles, nicht korrumpierbar! Er hat sich so in seiner kleinen Merchandise-Firma einen kleinen kommerziellen Tempel gebaut.

Die Gefängniszelle im Kopf ist eben nicht nur „Einzelhaft“, sondern auch Paradies. „Sensorische Deprivation“ ist dann eben nicht nur teuflisch, sondern aus diesem Entzug kann auch Genie entstehen.

Als Künstler in der Wirklichkeit macht er sich eher noch rar. Er sucht sich seine Sachen aus und bewahrt sich dabei seine Utopien. Sein Steckenpferd ist die Bildhauerei! Die Kunst im öffentlichen Raum.

Und das merkt man seinen Hirnfilmen an. Sie sind von der melancholischen Seele des Heiligen geprägt – wie bei Hieronymus Bosch. Wie viele Kornowski’s leben in Dir? Bizarre Wesen bewohnen sein Inneres. Überall beobachten ihn halluzinierte Gestalten. Manchmal scheinen sie ihn sogar auszulachen – wieso erschaffst du uns nicht endlich in der Wirklichkeit als Reliefs, als Skulpturen, als Kunst am Bau!

Auf was wartest du also noch, Kornowski?!

Immer wieder gibt es inneren Krieg zu bestehen. Zwischen diesem abstrakten, teuflischen Freund und Kornowski. Das Duell findet meistens in der Isolation der Künstlerzelle statt.

So existiert bei Kornowski ein Aspekt des Schweben. Es verleiht seinem Werk einen transzendentalen Charakter, und symbolisiert dabei etwas Übermenschliches. David Kornokowski sucht das Übermenschliche. Er weiß das. Vielleicht belastet es ihn auch. Er weiß, dass er Übermenschliches leisten kann. Es steckt in ihm drinnen. Aber wie bekommt er es raus – in den Raum, auf die Leinwand, in die Wirklichkeit. Diese Gefühle beherrschten ihn viele lange Jahre, waren sein größtes Hindernis.

Dieses Hindernis ist überwunden.

Er platzt heute vor Arbeitslust. Und teuflischer Energie. Er akzeptiert die eigenen Gelüste und Obsessionen. Er weiß: Je nach den Bedürfnissen einer höllischen Gesellschaft können sich Künstler frei entfalten oder gnadenlos unterdrückt werden. Sein Werk bietet Geleit gegen diese Ungewissheit und hinterfragt die Sicherheit absehbarer Folgen. Das kann traumatische Gefährdungsangst unter den Leuten hervorrufen. Es gehört also Mut dazu, unter diesen Bedingungen zu operieren – in obsessivem Ausmaß. Und diesen Mut besitzt David Kornowski!

t.k. l.a.

18.9.2015


(Tom Kummer)